Die Lust an der Macht des Malens zwischen Mythos und Trivialität

           Gerhard Neumaier

Ich male Gemälde! In diesem Satz färbt jedes Wort das andere, weshalb denn umgekehrt auch ein jedes durch die anderen bestimmt ist. Anfang und Mitte und Ende, Person, Schaffen und Werk sind in wechselseitiger, lebendiger Durchdringung eine ideelle, geistige Einheit.

Das Malen ist mir nicht bloßes Mittel zur Hervorbringung des Gemäldes. Wie das Malen mich durchpulst und wie ich als belebende Seele in ihm bin, durchzittert auch das Malen das Gemälde. Das Gemälde ist nicht bloßes Resultat des Malens. Wie im Gemälde das Malen sich erhält und wie es ursprünglich in mir vorhanden ist, so ist im Gemälde auch mein ICH enthalten und verwahrt, wahrhafter vorhanden. Und ich bin nicht bloß derjenige, der das Gemälde aus sich heraussetzt und in ihm erhalten ist. Ich erhalte mich auch aus ihm.

Das Gemälde ist der Spiegel, in dem ich mich vernehme, aus dem ich mich verstehe, fasse und begreife. Ich male Gemälde! Ich und das Malen und das Gemälde: Keines ohne  die andern. Ein jedes gibt und nimmt zugleich. Eins ist alle, und alle sind eins. Das Gemälde ist etwas anderes als ein "Bild" oder "Künstlerisches Objekt". Es läßt sich mit dem dichterischen Drama ver-gleichen, in dem Epos und Lyrik, äußeres Geschehen und inneres Gefühl sich durchdringen, eines dem anderen sich offenbart, sichtbar wird. Gemälde! Das Wort erweckt Erinnerungen an dämmernde Zeiten, an die stolze Pracht von Gotteshäusern und Palästen, an Fürsten und Prälaten; an Straßen, gesäumt von Kreuzen und Galgen; an die Inbrunst gottverzückter Herzen, an Schlachtenlärm und heißes Blut, das über Schwerter, Steine und Gräser rinnt... Es geht ein Ruf von glänzenden Festen, von nächtlichen, galanten Tänzen und überreich gedeckten Tafeln;  Geschmeide von Gold und silbernen Pokalen, rollende Perlen und rauschender Brokat Scharlach, Safran, Purpur und Azur... Es weht ein Hauch von Weihrauch und Rosen, der Mief von Rumpelkammern, altem Plunder und Trödel; modernde Keller, Grüfte und Särge; der Atem des toten Gottes, verwesendes Pathos, sturmzerfetzte Banner, Zeichen ohne Deutung...

Dies ist die Vergangenheit, in der ich stehe; die Tradition, der ich mich stelle; der Hintergrund, aus dem ich trete. Dies ist die Bühne, auf der das Drama sich ereignet; Tragödie und Komödie, Posse und Phrase, Mummenschanz und Masken-zug. Dies ist der gespannte Bogen, von dem ich mich löse im Malen. Was meine Gemälde aus dem Hintergrund der Tradition wesentlich hervorhebt und auszeichnet, das ist die "moderne" Weise meines Malens, der eigene "Stil". Und es ist dieser Stil, der es erlaubt, "gediegene" und so zusagen konsekrierte Themen kontrastierend, auch karikierend und ironisierend zu behandeln. Konkreter gesprochen: Die Malweise konfundiert den be-kannten, konsistenten Kontext. Sie befreit einerseits den "Gegenstand" aus seiner erstarrten Vorgabe, bringt das gesehene Objekt in Fluß und Bewegung, wodurch andererseits die subjektive Ansicht, die vorgefaßte Meinung in Verwirrung und Auflösung gerät. Das Malen erschöpft sich mir nicht in technischer Fertigkeit, im souveränen Gebrauch der Farbe, Pinsel usw.; das Malen ist vielmehr ein schöpferischer Akt, in dem alles Technische sich verleiblicht, eine Seele gewinnt, ein eigenes Leben beginnt.

Das Malen ist ein Akt "heilignüchterner Trunkenheit", in dem die helle Schärfe des Geistes und der dunkle Rhythmus des Lebens sich lustvoll durchdringen, um durch Krisis und Katharsis die Geburt des Gemäldes zu vollbringen. Das Gemälde aber ist nicht nur Erzeugnis dieses Aktes, sondern auch Zeugnis desselben. Im Gemälde löst sich die klare, "konkrete" Gestalt in ein Chaos von Farben und Linien auf, wie umgekehrt aus diesen "abstrakten" Elementen eine komplexe Form sich bildet.

Spannung und Harmonie der Kräfte prägen das geglückte Gemälde, und das Dionysische, "der bacchantische Taumel, in dem kein Glied nicht trunken ist", erhält in ihm eine köstliche, kostbare Dauer. Diese Dauer ist nur endlich, vergänglich, während der Akt selbst an die Ewigkeit rührt. Es verwundert mich hin und wieder, welcher Widerstand, welche Ablenung meinen Gemälden bisweilen entgegengebracht wird.

Sowohl der "Bildungsphillister", der zur Erholung und Erbauung in abendländischen Gefühlen sich tummelt und tümelt, als auch der "kritische Intellektuelle", dem alle Leidenschaft irgendwie verdächtig, und gefährlich ist, gehen angesichts meiner Gemälde in kordialer Konkordanz. Wärend der eine findet, daß Emotionalität hier ihr gehöriges Maß überschreitete, das Pathos fast ans Pathologische grenze, in jedem Fall aber "ungesund" sei, bemängelt der andere eine allzu heftige und gleichsam konvulsive Irrationalität, die sich potenziell und prinzipiell zu hitzigem Fanatismus, zu Bücher-, Bilder- und Hexenverbrennung entzünden könne. Weiterhin scheint es eine stehende Feststellung, eine beliebte Versicherung zu sein, daß es meinen Gemälden an"Eindeutigkeit" fehle. Sie seien weder "gegenständlich" noch "ungegenstädlich", weder Fisch noch Fleisch, keiner Srömung, Richtung, Schule oder Mode angehörig; es sei unsicher, wo der Künstler steht, wie er's meint und ob er überhaupt etwas meint; auch wisse man nicht genau, was man selbt dazu sagen und meinen soll, ob das, was man meint, richtig oder falsch, treffend oder daneben ist.

Ein solches "Nichtwissen" und "Unwissen", eine solche "Unsicherheit" wächst sich leicht zu einem "gewissen" Unbehagen aus, aus dem dann gerne ein Vorwurf, eine "Kritik" gemünzt wird. Um nun dieses unerquikliche und fruchtlose Thema einigermaßen abzuschließen, sei noch erwähnt, das manche die "darutegeschmierten" Titel als eine unangenehme, störenden Bruch empfinden ("Mensch laß doch den Titel weg"), andere aber bemängel, daß ich mich allzusehr auf "Schrotthaufen" und "Müllhalden" kapriziere. Bisweilen amüsiert mich diese steife und herbe Nüchternheit, der verbissene Ernst, der in solcher Kritik sich erbricht. Ein bißchen weniger Ernst und Strenge Miene, vieleicht verwandelt sich, wunderbar und märchenhaft, der "Schrotthaufen"

in ein Capriccio.

Tex; aus dem Katalog, "Die vier Quartette des Geistes "Ich male Gemälde"

Hrsg. Gerhard Neumaier

Deutsch 1993. 103 Seiten, 16 Abb.

gebunden Edition Cantz, Stuttgart

ISBN 3-89322-600-1

info@gerhard-neumaier.de
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